Die weltweite Kunstszene hält tief erschüttert den Atem an und trauert um eine ihrer absolut gigantischsten, einflussreichsten und gleichzeitig umstrittensten Persönlichkeiten des modernen Zeitalters. Georg Baselitz, der unangefochtene Titan der deutschen Nachkriegskunst, der mit seinen radikalen Werken die Malerei regelrecht auf den Kopf stellte, ist im Alter von 88 Jahren friedlich verstorben. Seine renommierte Galerie Thaddaeus Ropac bestätigte den schmerzhaften Verlust für die gesamte Kulturwelt und erklärte zutiefst bewegt, dass der Ausnahmekünstler eine ganze Generation der bildenden Kunst geprägt habe. Wer geglaubt hatte, das exzentrische Genie würde noch viele Jahre im Verborgenen an seinen monumentalen Meisterwerken arbeiten, der wird nun von der unbarmherzigen Realität des Todes eingeholt.
Der kometenhafte Aufstieg von Georg Baselitz, der mit bürgerlichem Namen Hans-Georg Kern hieß und seine sächsische Heimat für immer im Künstlernamen verewigte, war über sechs Jahrzehnte hinweg von genialen Provokationen und lauten Skandalen begleitet. Bereits in den frühen Sechzigerjahren sorgte er in West-Berlin für einen beispiellosen Justiz-Aufruhr, als seine freizügigen und grotesken Gemälde wegen angeblicher Obszönität von der Polizei beschlagnahmt wurden. Doch sein absoluter weltweiter Befreiungsschlag gelang dem Maler im Jahr 1969, als er begann, seine Motive und Leinwände radikal verkehrt herum zu malen. Mit diesem genialen Trick erfand er eine völlig neue, expressive Kunstform zwischen Abstraktion und Figuration, die Bundeskanzler wie Gerhard Schröder faszinierte und die Museen von New York bis Paris im Sturm eroberte.
Hinter den Kulissen seiner weltweiten Erfolge tobte in dem Künstler jedoch ein permanenter, bitterer Kampf gegen die finsteren Dämonen der deutschen Vergangenheit. Baselitz verarbeitete in seinen wilden, oft brutalen Bildern und den mit der Kettensäge bearbeiteten Holzskulpturen die tiefen Traumata des Zweiten Weltkriegs, die Zerstörung von Dresden und die schmerzhafte Teilung seiner Heimat. Er gab offen zu, dass fast alle deutschen Maler unter einer tiefen Neurose bezüglich der Historie litten und seine Arbeit auf dem Rasen der Kunst im Grunde eine einzige, schwere Depression und eine endlose Schlacht auf der Leinwand war. Auch seine scharfzüngigen und oft extrem Macho-haften Sprüche über weibliche Kolleginnen brachten ihm über die Jahre hinweg eine brutale Welle des Entsetzens und heftige Kritiken ein, die er erst im hohen Alter mühsam zu relativieren versuchte.

Mit dem Tod des 88-Jährigen verliert das Land im selben Moment eine seiner letzten ganz großen Identifikationsfiguren des Postmodernismus, der an der Seite von Gerhard Richter und Anselm Kiefer die deutsche Identität radikal hinterfragte. Georg Baselitz hinterlässt seine geliebte Ehefrau Elke, die er über ein halbes Jahrhundert lang immer wieder als seine absolute Muse auf den Leinwänden verewigte, sowie ein gigantisches, unbezahlbares Lebenswerk. Die Fans und Kunstsammler auf der ganzen Welt blicken nun mit feuchten Augen auf seine letzten Ausstellungen, die in diesen Tagen in Venedig und Salzburg eröffnen, und verneigen sich vor einem ungezähmten Rebellen, dessen verkehrte Welt für immer im kollektiven Gedächtnis der Menschheit weiterleben wird.
